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Wozu ist ein Unternehmen eigentlich da? Zwei Maenner, eine Frage

Wie eine einzige Idee die Weltwirtschaft umgestaltete - und was wir dabei verloren haben


Der Satz, der alles veränderte

Am 13. September 1970 veröffentlichte das New York Times Magazine einen Artikel, der das wirtschaftliche Denken der Welt nachhaltiger prägen sollte als fast jede politische Entscheidung der letzten fünfzig Jahre. Sein Autor war Milton Friedman, Wirtschafts-nobelpreistraeger. Sein Titel: "The Social Responsibility of Business Is to Increase Its Profits."

Seine Kernbotschaft war einfach, radikal - und absolut:

"Es gibt eine und nur eine gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens seine Ressourcen einzusetzen und Aktivitäten zu verfolgen, die darauf abzielen, seinen Gewinn zu steigern."

Keine Erwähnung von Mitarbeitenden. Keine Erwähnung von Gemeinschaften. Keine Erwähnung von Umwelt(schutz)grenzen oder langfristigen Folgen. Nur ein Prinzip: Gewinn. Friedman war weder nachlässig noch zynisch. Sein Argument war in sich schlüssig - in einer theoretischen Welt rationaler Akteure, fairen Wettbewerbs und sich selbst korrigierender Märkte. Aber diese Welt existiert nicht. Und in der Realität angewandt, waren die Konsequenzen weitreichend


Zweiundzwanzig Jahre früher: Eine andere Antwort

Im Jahr 1948, im verwüsteten Nachkriegseuropa, rang ein anderer Ökonom mit derselben Frage: Wozu ist ein Unternehmen eigentlich da? Sein Name war Ludwig Erhard. Seine Antwort hätte kaum unterschiedlicher sein können. Erhard hatte wirtschaftlichen Zusammenbruch, Machtkonzentration und systemisches Versagen erlebt und kam zu dem Schluss, dass Märkte in einen breiteren gesellschaftlichen Rahmen eingebettet sein müssen. In seinem Buch Wohlstand für Alle beschrieb er, was als Soziale Marktwirtschaft bekannt werden sollte: "Die Soziale Marktwirtschaft verbindet das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs und der moralischen Verantwortung jedes Einzelnen gegenüber dem Ganzen." Für Erhard waren Märkte kein Selbstzweck. Sie waren Werkzeuge - mächtige zwar - aber Werkzeuge, die Struktur, Regeln und Verantwortung erforderten.


Zwei Maenner. Eine Frage. Zwei grundlegend verschiedene Antworten.


Was die Profitdoktrin hervorbrachte

Mit der Zeit fand Friedmans Idee den Weg von der Theorie in die Praxis. Sie praegate politische Agenden, Unternehmensführung und schließlich das globale Wirtschaftsverhalten. Ihre Auswirkungen sind messbar. Die Vergütung von CEOs in den Vereinigten Staaten ist im Verhältnis zum durchschnittlichen Arbeitnehmerentgelt dramatisch gestiegen. Laut Economic Policy Institute wuchs das Verhältnis von rund 21:1 in den 1960er Jahren auf über 280:1 in den letzten Jahren. Unternehmen priorisierten zunehmend Financial Engineering gegenüber realen Investitionen. Allein Apple Inc. hat Hunderte von Milliarden Dollar für Aktien-Rückkäufe ausgegeben Kapital, das nicht in Löhne, Innovation oder langfristige Resilienz geflossen ist. Und wenn Risiken eintreten, werden sie häufig nicht von jenen getragen, die sie verursacht haben. Die globale Finanzkrise hat dies deutlich gezeigt: Gewinne wurden privatisiert, während Verluste von der Allgemeinheit absorbiert wurden. Diese Ergebnisse sind keine Anomalien. Sie folgen logisch aus einem System, das auf die Maximierung kurzfristiger Renditen ausgelegt ist.


Was übersehen wurde

Friedmans Rahmen basierte auf einer zentralen Annahme: dass Märkte schädliches Verhalten disziplinieren würden. In der Realität belohnen Märkte Rentabilität - nicht Verantwortung. Ein Unternehmen kann erhebliche Gewinne erzielen, während es Umweltkosten auf die Gesellschaft abwälzt, regulatorische Lücken ausnutzt, Steuerpflichten über Jurisdiktionen hinweg minimiert und langfristige gesundheitliche und soziale Folgen externalisiert. Und das über Jahre, sogar Jahrzehnte. Organisationen wie Oxfam haben wiederholt dokumentiert, wie sich Vermögenskonzentration und Kostenexternalisierung in diesem System gegenseitig verstärken.


Ein anderes Modell: Warum es einst funktionierte

Die unter Erhard entwickelte Soziale Marktwirtschaft folgte einer anderen Logik. Sie verband wirtschaftliche Freiheit mit strukturellen Schutzmaßnahmen: Arbeitnehmerbeteiligung an der Unternehmensführung, starke Wettbewerbsgesetze zur Verhinderung von Monopolen, langfristige Eigentumsstrukturen und soziale Systeme, die die Gesellschaft stabilisieren und Teilhabe ermöglichen. Das Ergebnis war nicht theoretisch. Über Jahrzehnte brachte es Wirtschaftswachstum bei vergleichsweise geringer Ungleichheit und sozialer Stabilität hervor. Es war nicht perfekt aber es war ausgewogen.


Die Verschiebung

Mit der Zeit entfernten sich viele Volkswirtschaften von diesem Gleichgewicht. Finanzliberalisierung, globale Kapitalmobilität und Wettbewerbsdruck drängten Systeme zur kurzfristigen Optimierung. Langfristige Strukturen schwächten sich ab. Soziale Schutzmaßnahmen erodierten. Die Logik des Shareholder-Primats wurde schrittweise dominant - sogar in Systemen, die ihr einst widerstanden hatten.


Eine tiefere Frage: Was ist ein Unternehmen wirklich?

Im Kern dieser Debatte liegt ein noch grundlegenderes Problem. Ist ein Unternehmen rein privat? Oder ist es zum Teil ein öffentliches Konstrukt? Der Politikwissenschaftler David Ciepley vertritt Letzteres. Unternehmen entstehen durch rechtliche Rahmenbedingungen. Sie erhalten vom Staat Rechte - Rechtspersönlichtkeit, beschränkte Haftung, Leitungsautonomie. Sie sind auf öffentliche Infrastruktur, ausgebildete Arbeitskräfte und stabile Institutionen angewiesen. Sie existieren nicht unabhängig von der Gesellschaft. Wenn das stimmt, wird die Vorstellung, dass sie keine Verantwortung jenseits des Gewinns tragen, schwer aufrechtzuerhalten - nicht nur ethisch, sondern konzeptuell.


Was das in der Praxis bedeutet

Die Konsequenzen unseres gegenwärtigen Modells sind nicht nur wirtschaftlicher Natur. Sie sind sozial und menschlich. Steigende Ungleichheit, zunehmender psychologischer Stress und nachlassender gesellschaftlicher Zusammenhalt sind in stark finanzialisieren Volkswirtschaften weithin dokumentiert. Forschungsarbeiten, darunter Werke von Robert Putnam, haben gezeigt, wie soziales Kapital schwindet, wenn Wirtschaftssysteme individuelle Gewinne über kollektive Stabilität stellen. Diese Entwicklungen sind keine isolierten Trends. Sie hängen zusammen.


Wie eine Alternative aussehen könnte

Die Frage ist nicht, ob Märkte existieren sollen. Sie sind unverzichtbar. Die Frage ist, wie sie strukturiert sind und was sie leisten sollen. Reale Beispiele zeigen, dass dies nicht theoretisch ist. Das deutsche Mitbestimmungsmodell gibt Arbeitnehmern echte Mitsprache auf Vorstandsebene. Die Robert Bosch Stiftung kontrolliert über 90% der Bosch GmbH - eines der größten Industrieunternehmen der Welt und strukturiert die Eigentümerschaft ausdrücklich um langfristigen Zweck statt kurzfristiger Rendite. Dänemarks Flexicurity-Modell verbindet offene Arbeitsmärkte mit robustem Sozialschutz und zählt dabei konsequent zu den wettbewerbsfähigsten und gleichheitlichsten Volkswirtschaften. Das sind keine utopischen Experimente. Es sind funktionierende Systeme, unvollkommen, aber in ihren Ergebnissen messbar anders. Ein ausgewogenerer Ansatz würde anerkennen, dass Gewinn zwar notwendig, aber als Leitprinzip nicht ausreichend ist und dass Anreize Verhalten prägen und bewusst neu gestaltet werden können.


Die tiefere Idee hinter der Sozialen Marktwirtschaft bleibt aktuell: Wirtschaftliche Freiheit und soziale Verantwortung sind keine Gegensätze. Sie bedingen einander. Hier beginnt das eticania.org - Projekt: mit einer Frage, nicht mit einer Schlussfolgerung. Wozu ist ein Unternehmen eigentlich da? Bitte teilen Sie Ihre wohlüberlgten Gedanken in den Kommentaren. Und vielleicht gestalten die besten Beiträge irgendwann den weiteren Vrrlauf unserer Unternehmenswelt .


REFERENZEN


Friedman, M. (1970). The social responsibility of business is to increase its profits. The New York Times Magazine. https://www.nytimes.com/1970/09/13/archives/a-friedman-doctrine-the-social-responsibility-of-business-is-to.html

Erhard, L. (1957). Prosperity for All.

Ciepley, D. (2013). Beyond public and private: Toward a political theory of the corporation. American Political Science Review.

Ciepley, D. (2025). There are alternatives: Toward a stewardship economy. The Hedgehog Review.

Economic Policy Institute. (2025). CEO pay data. https://www.epi.org/publication/ceo-pay-in-2025/

Oxfam. (2023). Survival of the Richest.

Putnam, R. (2000). Bowling Alone: The collapse and revival of American community.

 
 
 

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