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Verdrängen soziale Medien die Entwicklung praktischer Lebenskompetenzen?

  • Writer: Babeline
    Babeline
  • 4 hours ago
  • 4 min read

Wie die Attention Economy unsere Aufmerksamkeit verändert – und warum daraus eine ethische Frage wird.


Noch nie zuvor in der Geschichte hatten junge Menschen Zugang zu so viel Wissen, so vielen Lernmöglichkeiten und so einfachen Möglichkeiten, sich weltweit mit anderen auszutauschen. Gleichzeitig war es noch nie so einfach, sich von der realen Welt ablenken zu lassen. Jugendliche und junge Erwachsene verbringen heute durchschnittlich mehrere Stunden pro Tag auf Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat und Co. Obwohl diese Plattformen von sich behaupten, dass sie Menschen verbinden, grenzenlose Unterhaltungsmöglichkeiten anbieten und eigene Kreativität der Nutzer erst ermöglichen, mehren sich gleichzeitig die Hinweise, dass eine sehr intensive Nutzung mit Veränderung der Schlafgewohnheiten, mehr Prokrastination, geringerer Konzentration und Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation und sogar einem erhöhten Risiko für depressive Symptome verbunden sein kann. Es stellt sich also die Frage:


Führt Social Media tatsächlich dazu, dass junge Menschen wichtige Lebenskompetenzen verlieren?


Aufmerksamkeit ist zur wertvollsten Ressource geworden. Die meisten sozialen Netzwerke sind kostenlos. Bezahlt wird jedoch mit etwas anderem: unserer Aufmerksamkeit. Je länger Nutzerinnen und Nutzer auf einer Plattform bleiben, desto mehr Werbung kann gezeigt werden und desto höher werden die Einnahmen. Deshalb investieren Unternehmen Milliardenbeträge in die Entwicklung von Algorithmen, die möglichst lange Aufmerksamkeit binden. Dazu gehören unter anderem endloses Scrollen durch personalisierte Inhalte, individuell angepasste Empfehlungen, Push-Benachrichtigungen, Likes und andere Formen sozialer Bestätigung als variable Belohnungen. Diese Mechanismen sind kein Geheimnis. Sie gehören zum Geschäftsmodell der sogenannten Attention Economy.


Was ist wissenschaftlich gut belegt? Die Forschung zeigt inzwischen recht übereinstimmend: Eine sehr intensive Nutzung sozialer Medien geht statistisch häufiger einher mit schlechterem Schlaf, stärkerer Prokrastination, geringerer Selbstregulation, erhöhter Impulsivität, Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Besonders Jugendliche und Menschen mit ADHS scheinen für problematische Nutzung anfälliger zu sein.


Was gilt als wahrscheinlich? Viele Forschende vermuten außerdem, dass bestimmte Designmechanismen der Plattformen diese Schwierigkeiten verstärken können. Vor allem variable Belohnungen, personalisierte Empfehlungen und endloses Scrollen nutzen Erkenntnisse aus der Verhaltenspsychologie, um Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten.


Noch ungeklärt ist, ob Social Media Menschen tatsächlich "dümmer" machen oder Plattformen gezielt eine gesellschaftliche Manipulation anstreben

Das eigentliche Problem könnte ein anderes sein: Die Forschung diskutiert heute die sogenannte Displacement Hypothesis, indem sie eine einfache Frage stellt:


Was geschieht in der Zeit, in der wir scrollen - und was geschieht dadurch nicht?


Jede Stunde auf Social Media ist möglicherweise auch eine Stunde weniger für Sport, Lesen, Musizieren, Kochen, ehrenamtliches Engagement, persönliche Gespräche, Sprachenlernen, kreatives Arbeiten oder das Erlernen praktischer Alltagskompetenzen sowie der Interaktion der Familie. Denn Life Skills entstehen nicht durch Zuschauen. Sie entstehen durch eigenes Tun.


Executive Functions - was ist das eigentlich?

Sie sind das Fundament unser Lebenskompetenzen. Viele der Fähigkeiten, die wir im Alltag für ein selbstständiges und verantwortungsvolles Leben benötigen, beruhen auf sogenannten Executive Functions. Dazu gehören beispielsweise Aufmerksamkeit steuern, Impulse kontrollieren, Prioritäten setzen, planen, Aufgaben beginnen, durchhalten, Emotionen regulieren. Diese Fähigkeiten entwickeln sich über viele Jahre hinweg durch Übung und reale Erfahrungen. Genau deshalb diskutieren Wissenschaftler heute, ob eine dauerhaft fragmentierte Aufmerksamkeit durch Nutzung von Social Media langfristig Einfluss auf diese Fähigkeiten haben könnte. Es gibt bereits interessante Hinweise, aber noch keine endgültigen Antworten.

 

Werden wir wirklich weniger intelligent?

Seit fast hundert Jahren stiegen die durchschnittlichen Ergebnisse vieler IQ-Tests kontinuierlich an – ein Phänomen, das als Flynn-Effekt bekannt wurde.

In einigen Industrieländern beobachten Forschende inzwischen jedoch eine Stagnation oder sogar einen leichten Rückgang bestimmter Testergebnisse. Dieses Phänomen wird als Reverse Flynn Effect bezeichnet.

Ob digitale Medien dabei eine Rolle spielen, wird erforscht, aber es gibt darauf derzeit noch keine eindeutige wissenschaftliche Antwort. Veränderte Freizeitgewohnheiten, Mediennutzung und gesellschaftliche Veränderungen scheinen zur Entwicklung beizutragen. Dies wirft nun die spannende Frage auf: Verändern digitale Technologien lediglich die Art, wie wir Informationen verarbeiten oder beeinflussen sie langfristig auch unsere Fähigkeit zu konzentriertem tiefem Denken?

 

Soweit die Wissenschaft. Nun zur ethischen Perspektive:

Wenn Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sind, weil sie möglichst viel menschliche Aufmerksamkeit binden, welche Verantwortung tragen sie dann gegenüber besonders verletzlichen Nutzergruppen wie Kindern, Jugendlichen oder Menschen mit ADHS? Aber auch: welche Verantwortung tragen Eltern, Schulen, Politik – und wir selbst als Nutzer?

 

Unser Ziel sollte weder sein, soziale Medien zu verbieten noch technologische Innovationen bremsen. Uns muss die Freiheit erhalten bleiben, frei wählen zu können. Aber Freiheit bedeutet auch, die Fähigkeit zu besitzen, gute Entscheidungen zu treffen. Und das muss erlernt werden. Die Fragen die sich in diesem Zusammenhang stellen sind also eher praktischer Art:  


Wie können wir die Vorteile digitaler Technologien erhalten, ohne die Entwicklung von Selbstständigkeit, Verantwortung und den Erwerb und die Anwendung praktischer Lebenskompetenzen (besonders bei jungen Menschen) zu beeinträchtigen?


Ist Aufmerksamkeit eine schützenswerte Ressource? Wie könnte ein soziales Netzwerk aussehen, das wirtschaftlich erfolgreich ist und gleichzeitig die Entwicklung von Life Skills fördert? Wo endet gutes Produktdesign und wo beginnt Manipulation? Welche Verantwortung tragen Plattformen, Eltern, Schulen und die Nutzer selbst? Sollte persuasive Technologie bei Minderjährigen stärker reguliert werden? Sind soziale Medien in erster Linie ein Werkzeug, dessen Wirkung von uns selbst abhängt? Oder tragen Plattformen eine besondere Verantwortung, wenn ihre Geschäftsmodelle auf möglichst langer Aufmerksamkeit beruhen?


Wir freuen uns auf Ihre Gedanken in den Kommentaren. Besonders fundierte und konstruktive Beiträge können - anonymisiert, falls gewünscht, und thematisch aufbereitet - später als Grundlage für Diskussionen und Simulationen im Eticania Creative Campus dienen. Vielleicht trägt genau eine dieser Ideen dazu bei, wie junge Menschen weltweit eines Tages über dieses Thema diskutieren. Denn Eticania versteht sich nicht als Sammlung fertiger Antworten, sondern als Einladung, gemeinsam bessere Fragen zu stellen.

 

REFERENZEN

Diamond, A. (2013). Executive functions. Annual Review of Psychology, 64, 135–168. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-113011-143750


Bratsberg, B., & Rogeberg, O. (2018). Flynn effect and its reversal are both environmentally caused. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(26), 6674–6678. https://doi.org/10.1073/pnas.1718793115


Odgers, C. L., & Jensen, M. R. (2020). Annual Research Review: Adolescent mental health in the digital age: Facts, fears, and future directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 61(3), 336–348. https://doi.org/10.1111/jcpp.13190


Orben, A. (2020). The Sisyphean cycle of technology panics. Perspectives on Psychological Science, 15(5), 1143–1157. https://doi.org/10.1177/1745691620919372


Valkenburg, P. M., Meier, A., & Beyens, I. (2022). Social media use and its impact on adolescent mental health: An umbrella review of the evidence. Current Opinion in Psychology, 44, 58–68. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2021.08.017


U.S. National Institutes of Health. (ongoing). Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD) Study. https://abcdstudy.org/


United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO). (2023). Guidance for generative AI in education and research. https://unesdoc.unesco.org/


Haugen, F. (2021). Testimony before the United States Senate Committee on Commerce, Science, and Transportation. https://www.commerce.senate.gov/

Center for Humane Technology. (n.d.). The Attention Economy. https://www.humanetech.com/

(Praxis- und Hintergrundquelle, keine wissenschaftliche Originalpublikation.)

 

World Health Organization. (2024). Growing up in a digital world: Health Behaviour in School-aged Children (HBSC) study. https://www.who.int/



 
 
 
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